
Unterrichtsvideos interaktiv aufbereiten
Die Analyse von Unterrichtsvideos erweist sich im Rahmen der Lehrkräfteprofessionalisierung als vielversprechend, gilt jedoch nicht per se als wirkungsvoll. Unterrichtsvideos müssen so aufbereitet werden, dass insbesondere Studienanfänger:innen systematisch angeleitet werden und so einen nachhaltigen Lerneffekt erzielen können. Im Projekt wurden Unterrichtsvideos ausgewählt, in denen beobachtet werden kann, wie eine Lehrkraft konstruktiv oder weniger konstruktiv mit Leistungsheterogenität umgeht. Es wurden relevante Szenen ausgewählt und in kurze Videosegmente unterteilt. Zu diesen Segmenten wurden Beobachtungsfragen formuliert, die sich an den Subprozessen der professionellen Wahrnehmung orientieren. Nach der Bearbeitung der Beobachtungsfragen können Studierende auf einen Sprachkommentar der Dozierenden zurückgreifen, der als Modellantwort dient. Evaluationen zeigen, dass insbesondere der Sprachkommentar sehr positiv von den Studierenden aufgenommen wird.
Kategorien
Beschreibung
Herausforderung
Fehlender Praxisbezug:
Studierende vermissen oft Praxisbezug im Lehramtsstudium. Der mangelnde Theorie-Praxis-Transfer gilt als Ursache für den „Praxisschock“.
Online-Videoanalyse problematisch:
In der Online-Lehre fehlen oft direkte Rückmeldungen und hinreichende Anleitung, sodass relevante Ereignisse im Video nicht erkannt oder unzureichend diskutiert werden.
Schwierigkeiten in Großgruppen:
Videoanalysen in großen Lehrveranstaltungen leiden unter Akustikproblemen und geringer Beteiligung.
Herangehensweise
Durch den Einsatz von Videosegmenten, Beobachtungsfragen und modellhaften Sprachkommentaren wurde eine individuelle, selbstgesteuerte Analyse in Online-Lernsettings ermöglicht. Die Segmente lenkten den Blick auf zentrale Ereignisse, während Fragen und Kommentare eine strukturierte Reflexion unterstützen. In einem letzten Antwortfeld konnten die Studierenden zudem offene Fragen zu der Videoanalyse anmerken. Diese Fragen wurden entweder von den Dozierenden schriftlich über ein H5P-Tool beantwortet oder bei Präsenzterminen vor Ort im Plenum gemeinsam besprochen.
Zusammenhang
Die Maßnahme wurde seit 2021 in jedem Sommersemester im Seminar „Qualität von Grundschulunterricht professionell wahrnehmen“ und in jedem Wintersemester in der Einführungsvorlesung im Fach Grundschulpädagogik erprobt, wobei auch Erklärvideos interaktiv aufbereitet wurden (pro Semester nehmen ca. 300 Studierende an diesen Kursen teil). Zudem wurden jedes Semester in einem Vorbereitungskurs für das mündliche Staatsexamen Prüfungsvideos interaktiv aufbereitet (pro Jahr ca. 200 Studierende).
Voraussetzung
Rechtliche Voraussetzung
Unterrichtsvideos, die in Forschung/Lehre eingesetzt und bearbeitet werden dürfen und für den gewählten Beobachtungsfokus relevante Situationen zeigen
Online-Plattform, auf der datenschutzkonform die ausgewählten Videos eingestellt werden können
Technische Voraussetzungen
Videobearbeitungstool für die Aufbereitung der Unterrichtsvideos: Segmentierung, Ergänzen von Unterrichtstiteln
Online-Plattform, auf der neben Videos auch verschiedene Frageformate (Beobachtungsfragen) und Audio-Dateien (Sprachkommentar) eingestellt werden können
Pädagogische Voraussetzungen
Kenntnisse über das Konzept „Professionelle Wahrnehmung“, um relevante Szenen auszuwählen und passende Beobachtungsfragen zu formulieren, die alle Subprozesse der professionellen Wahrnehmung abdecken
ggf. Rücksprache mit Kolleg:innen, die als Expert:innen Videoauswahl und Beobachtungsfragen sichten und Rückmeldung geben
Zeitl. Ressourcen für offene Fragen während und nach der individuellen Videoanalyse einplanen
Eignung
Positive Rückmeldungen von Studenten zu Evaluationsfragen wie:
Allg.: Wie gut hat Ihnen diese Variante der Videoanalyse insgesamt gefallen? Haben Sie Verbesserungsvorschläge oder möchten Sie uns noch etwas mitteilen?
Spezifisch hinsichtlich der Beobachtungsfragen: Empfanden Sie die Fragen als hilfreich, die zu den Videoausschnitten an Sie gestellt wurden?
Spezifisch hinsichtlich der Videosegmente: Empfanden Sie es hilfreich, dass die Videos in Ausschnitte unterteilt wurden? Haben Sie sich Videostellen mehrfach angeschaut?
Spezifisch hinsichtlich der Sprachkommentare: Empfanden Sie den Sprachkommentar als hilfreich/zu lang/zu kurz? Welche Darstellung des Dozierendenkommentars als Rückmeldung zum Video bevorzugen Sie?
Vorschläge für offene Fragen: Welche Szene oder welcher Aspekt aus den beiden Videos ist Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben und warum? Gibt es bestimmte Szenen, über die Sie gerne noch einmal sprechen würden oder zu denen sie Fragen haben? Wenn ja, welche?
Vorgehen/Schritte
1. Vorbereitung und Planung
Zu Beginn wird ein spezifischer Beobachtungsfokus festgelegt (z.B. „Umgang mit Leistungsheterogenität“).
Anschließend werden Unterrichtsvideos ausgewählt, die für den Beobachtungsfokus relevante Situationen enthalten. Innerhalb dieser Videos werden passende Szenen als Beispielszenen herausgenommen. Dabei wird ein ausgewogenes Verhältnis zwischen gelungenen und problematischen Unterrichtsbeispielen angestrebt, um eine differenzierte Analyse zu ermöglichen. Ggf. kann für Videoauswahl und Auswahl der Beispielszenen ein Expert:innenrating durchgeführt werden.
Die ausgewählten Beispielszenen werden technisch aufbereitet: Die Szenen werden in Segmente unterteilt (z.B. Dauer: 00:30-5:00 min), die sich an Teilaspekten des Beobachtungsfokus orientieren (z.B. Differenzierung, konstruktive Unterstützung). Ggf. werden zudem Untertitel eingefügt.
Zu jedem Segment werden ein bis drei Beobachtungsfragen formuliert, die sich an den Subprozessen der professionellen Wahrnehmung orientieren und die Studierenden zu einer strukturierten Analyse anregen.
Zu den Beobachtungsfragen werden Modellantworten als Lösungsbeispiel für eine fachlich fundierte Videoanalyse entwickelt.
Diese Modellantworten werden anschließend als Sprachkommentare aufgenommen.
Bevor die Inhalte veröffentlicht werden, werden Rückmeldungen zur Auswahl der Videoszenen, der Qualität der Beobachtungsfragen sowie der Aussagekraft der Modellantworten von Kolleg:innen eingeholt.
Schließlich werden Videosegmente, Beobachtungsfragen und Sprachkommentare in eine Online-Plattform eingestellt. Zusätzlich wird ein offenes Textfeld eingerichtet, in dem Studierende nach ihrer individuellen Videoanalyse eigene Fragen oder Anmerkungen einbringen können. Wenn die interaktiven Videos evaluiert werden sollen, wird zudem ein entsprechender Evaluationsfragebogen eingestellt, der im Anschluss an die Bearbeitung der interaktiven Videos ausgefüllt werden soll.
Für die Studierenden wird eine übersichtliche Anleitung erstellt, die sowohl den inhaltlichen Ablauf als auch technische Hinweise umfasst. Diese Anleitung wird ebenfalls auf der Plattform bereitgestellt.
Abschließend wird ein klarer Bearbeitungszeitraum für die Videoanalyse festgelegt (z.B. zwei Wochen).
2. Während der Bearbeitung der Videoanalyse durch die Studierenden
Während des Bearbeitungszeitraums steht eine Ansprechperson für Rückfragen zur Verfügung, insbesondere bei technischen Problemen oder Unsicherheiten im Umgang mit der Plattform.
3. Nachbereitung
Nach Ablauf der Bearbeitungsfrist werden die eingereichten Analysen stichprobenhaft gesichtet. Offene Fragen der Studierenden aus dem dafür vorgesehenen Antwortfeld werden systematisch gesammelt und in geeigneter Form – etwa in einem FAQ-Dokument oder in einer synchronen Nachbesprechung – beantwortet.
Evaluation auswerten und für die Überarbeitung der interaktiven Videos nutzen.
Hinweise
Effekte
Erwartete Effekte:
Hohe Lernmotivation: Studierende bearbeiten Videoanalysen mit großer Bereitschaft und Interesse, da sie reale pädagogische Situationen anschaulich und nachvollziehbar machen.
Stärkung der Selbstwirksamkeit: Die aktive Auseinandersetzung mit authentischem Material fördert das Vertrauen in die eigene Analyse- und Urteilsfähigkeit.
Theorie-Praxis-Verknüpfung: Videoanalysen ermöglichen eine fundierte Verbindung theoretischer Konzepte mit konkreten Beispielen und unterstützen so den Aufbau professioneller Hand-lungskompetenz.
Unerwartete Effekte:
Herausforderung durch Umfang: Die Menge an Material (Anzahl und Länge der Videos und Sprachkommentare) kann als überfordernd erlebt werden.
Kooperative Bearbeitung: Trotz vorgesehener Einzelarbeit zeigen vereinzelte Abgaben, dass die Studierenden die Aufgaben im Team bearbeitet haben. Das kann auf ein kooperatives Lernverhal-ten und den Bedarf nach Austausch in komplexen Analyseprozessen hinweisen.
Learnings
Niedrigschwelliger Einstieg: Die interaktive Videoanalyse scheinen sich besonders für Studienanfänger:innen zu eignen, um sich strukturiert und videobasiert komplexen Themen anzunähern
Fading notwendig: Um eine eigenständige Analysekompetenz aufzubauen, sollte die anfängliche Anleitung durch Beobachtungsfragen und Segmentierungen sukzessiv reduziert werden, damit Studierende schließlich ganze Unterrichtsstunden selbstständig analysieren können
Qualität und Fokussierung entscheidend: Die Lernwirksamkeit der Videoanalyse hängt von der Qualität der ausgewählten Videobeispiele sowie deren didaktischer Aufbereitung ab. Ein klar definierter, inhaltlich eingeführter Beobachtungsfokus ist essenziell, um Überforderung zu vermeiden
Geringe Ambiguitätstoleranz: Einzelne Studierende neigen dazu, Modellantworten als einzig richtige Lösungen zu interpretieren. Dies weist auf die Notwendigkeit, den konstruktiven Umgang mit Mehrdeutigkeit und Perspektivenvielfalt im Analyseprozess gezielt zu fördern
Empfehlung
1. Größe der Studierendengruppe
Die digitale interaktive Videoanalyse ist optimal für mittlere und große Vorlesungen (ab 20 Studierende). Für kleine Kurse empfiehlt sich ein angepasstes Vorgehen. So kann beispielsweise die interaktive Videoanalyse vor Ort im Seminarraum durchgeführt werden. Die ausgewählten Videosegmente werden gemeinsam angeschaut. Die Studierenden sollen in Einzel-, Partner oder Gruppenarbeit die Beobachtungsfragen beantworten. Die Antworten werden auf Basis der Modellantworten im Plenum gemeinsam besprochen.
2. Kenntnisstand der Studierendengruppe
Die digitale interaktive Videoanalyse ist optimal für die Einarbeitung in ein neues Thema. Für Fortgeschrittene kann das Vorgehen der interaktiven Videoanalyse zu kleinschrittig sein. Daher ist der Grad der Anleitung durch Beobachtungsfragen und Segmentierung der Videos sowie der Grad der Ausführlichkeit der Modellantworten auf den Kenntnisstand der Studierenden abzustimmen.
Tipps
1. Theoretische Fundierung
Fundierte Kenntnisse zum Konzept der professionellen Wahrnehmung sowie deren Subprozesse sind essenziell, um passende Videosegmente auszuwählen und ausgewogene Beobachtungsfragen zu entwickeln, die nicht nur das Verhalten der Lehrkraft, sondern auch das Handeln und Erleben der Schüler:innen in den Blick nehmen
2. Vermeidung von Suggestivfragen
Bei der Formulierung von Beobachtungsfragen gilt es, suggestive oder zu eng gestellte Fragen zu vermeiden, um Offenheit im Analyseprozess zu ermöglichen und vertiefte Reflexionsprozesse anzustoßen
2. Plattformwahl mit Blick auf Auswertung:
Soll die Bearbeitung der Studenten systematisch ausgewertet werden, empfiehlt sich die Nutzung einer Online-Plattform, die den Export der Antworten (z. B. als Excel-Tabelle) ermöglicht
Sonstiges
Es gibt zahlreiche, effektive Möglichkeiten, Unterrichtsvideos für eine Analyse aufzubereiten. Dabei gilt es stets das Format der Videoanalyse entsprechend der Zielgruppe zu wählen, die das Video schließlich analysiert.
Der Einsatz einer interaktiven Unterrichtsvideoanalyse bietet sich insbesondere beim Einstieg in ein komplexes Thema an.
Methoden
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Nicht empfohlen
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