Maßnahme Bühne
Zum Projekt

Informelle Koordinationswege aufbauen und nutzen

Formale Projektstrukturen – Steuerungsgruppen, Dienstwege, Gremien – bilden die Koordinationsbedarfe interdisziplinärer Hochschulprojekte oft nur unvollständig ab. Informelle Koordinationswege sind daher kein Zeichen mangelhafter Organisation, sondern notwendiger Bestandteil der Projektarbeit in lose gekoppelten Hochschulstrukturen. Die Maßnahme beschreibt, wie Projektkoordinator:innen informelle Koordination bewusst gestalten können: durch den Aufbau persönlicher Netzwerke, die Identifikation von Schlüsselpersonen mit Zugang zu Entscheidungsträger:innen und die situationsangemessene Wahl zwischen formalen und informellen Wegen. Dabei geht es nicht um die Umgehung formaler Strukturen, sondern um deren produktive Ergänzung – bei gleichzeitiger Reflexion der Grenzen: Informelle Wege können Transparenz untergraben und Personen ohne Netzwerkzugang benachteiligen. Die Maßnahme zeigt, wie diese Balance gehalten werden kann.

Kategorien

Bitte nennen Sie bis zu fünf Stichwörter, die den Inhalt Ihrer Maßnahme aussagekräftig beschreiben.
Projektkoordination
Zusammenarbeit
Kurze Dienstwege
Informelle Koordination
Netzwerkaufbau
Zielgruppe(n)
Wissenschaftliche Mitarbeiter:innen/LfBA
Professor:innen
Mitarbeiter:innen aus Service, Verwaltung & Wissenschaftsmanagement
Hochschul-, Fachbereichs-/Fakultätsleitung
Handlungsfeld & Aktivität(en)
Projektkoordination
Projektmanagement entwickeln

Beschreibung

Herausforderung

Interdisziplinäre Hochschulprojekte erfordern Abstimmung zwischen Akteuren, die formal nur lose ver-bunden sind: Fachbereiche, Serviceeinrichtungen, Verwaltung, Hochschulleitung. Formale Gremien tagen oft zu selten oder sind für operative Fragen überdimensioniert. Projektkoordinator:innen stehen vor der Frage: Wie erreiche ich schnelle Klärungen? Wie erhalte ich Zugang zu Expertise und Entscheidungsträger:innen, wenn formale Wege zu langsam oder blockiert sind?

Herangehensweise

Der Ansatz besteht darin, informelle Koordination nicht dem Zufall zu überlassen, sondern systematisch aufzubauen:

Netzwerke aktiv gestalten: Frühzeitig Kontakte knüpfen – auch zu Personen außerhalb des formalen Projektteams. Kennenlerngespräche ohne konkreten Anlass führen, eigene Unterstützung anbieten, Reziprozität etablieren.

Schlüsselpersonen identifizieren: Wer hat Zugang zur Hochschulleitung? Wer kennt die informellen Regeln der Verwaltung? Wer verfügt über Expertise, die im Projekt benötigt wird? Diese Personen gezielt einbinden.

Situativ entscheiden: Nicht jede Abstimmung braucht ein Gremium; nicht jede Entscheidung kann in-formell getroffen werden. Die Kunst liegt in der situativen Einschätzung: Operative Klärungen informell, Entscheidungen mit Tragweite formal.

Transparenz wahren: Informelle Absprachen dokumentieren, relevante Ergebnisse in formale Strukturen zurückspielen, Ausschlüsse vermeiden.

Zusammenhang

Die Maßnahme wurde aus der Forschung zur Steuerung und Organisation in Hochschulentwicklungsprojekten abgeleitet. Hier wurden 20 Projektkoordinator:innen zu Organisation, Zusammenarbeit und Entscheidungsfindungsprozessen in drittmittelfinanzierten Hochschulentwicklungsprojekten befragt.

Auch eigene Erfahrungen in der Projektkoordination sind miteingeflossen.

Voraussetzung

Investition zu Projektbeginn: Netzwerke brauchen Zeit. Die ersten Monate sollten bewusst für Beziehungsaufbau genutzt werden – auch wenn der operative Druck bereits hoch ist.

Kenntnis der Hochschullandschaft: Wer die informellen Strukturen der eigenen Hochschule nicht kennt, muss sie erst erschließen. Für neue Mitarbeiter:innen ist das aufwändiger, aber möglich – etwa durch gezielte Fragen an erfahrene Kolleg:innen.

Bereitschaft zur Reziprozität: Informelle Koordination funktioniert auf Gegenseitigkeit. Wer nur Unterstützung einfordert, ohne selbst zu geben, verliert schnell Kredit.

Reflexionsfähigkeit: Informelle Wege sind nicht per se gut. Sie können Intransparenz erzeugen und Personen ohne Netzwerkzugang ausschließen. Die eigene Praxis muss regelmäßig kritisch reflektiert werden.

Eignung

Die Wirksamkeit zeigt sich an mehreren Indikatoren:

Reaktionszeiten: Anfragen werden schneller beantwortet; Abstimmungen, die formal Wochen dauern würden, gelingen in Tagen.

Problemlösung bei Blockaden: Wenn formale Wege nicht weiterführen, eröffnen informelle Kontakte alternative Lösungen.

Informationsvorsprung: Über persönliche Kontakte erfährt man frühzeitig von relevanten Entwicklungen – bevor sie offiziell kommuniziert werden.

Kritische Prüfung: Gleichzeitig sollte reflektiert werden: Gibt es Personen, die von informellen Absprachen ausgeschlossen werden? Sind Entscheidungen nachvollziehbar dokumentiert? Werden formale Gremien entwertet?

Schritte

1. Orientierung: Die informelle Landschaft kartieren

Erstellen Sie zu Projektbeginn eine erweiterte Stakeholder-Übersicht, die auch projektexterne Personen einschließt: Wer sitzt an Schlüsselstellen in der Verwaltung? Wer hat Erfahrung mit ähnlichen Projekten? Wer genießt Vertrauen bei der Hochschulleitung? Diese Übersicht ist ein Arbeitsdokument, das im Projektverlauf ergänzt wird.

2. Beziehungsaufbau: Investieren ohne konkreten Anlass

Führen Sie Kennenlerngespräche – auch mit Personen, die nicht unmittelbar projektrelevant erscheinen. Fragen Sie nach deren Aufgaben, Herausforderungen und Schnittstellen. Bieten Sie früh eigene Unterstüt-zung an. Diese Investition zahlt sich aus, wenn später schnelle Abstimmung nötig ist.

3. Schlüsselpersonen identifizieren

Identifizieren Sie Personen mit besonderem Zugang: Referent:innen der Hochschulleitung, langjährige Mitarbeiter:innen in Stabsstellen, erfahrene Kolleg:innen in Serviceeinrichtungen. Diese "Gatekeeper" können Anliegen transportieren, Informationen liefern und informelle Einschätzungen geben, die über formale Kanäle nicht zugänglich wären.

4. Koordinationspraktiken differenzieren

Entwickeln Sie ein Repertoire:

• Niedrigschwellig: Chat-Nachrichten für schnelle Rückfragen, kurze Telefonate statt formaler Mails

• Vorbereitend: Bilaterale Gespräche vor Gremiensitzungen, um Positionen zu sondieren und Konflikte zu entschärfen

• Wissensbasiert: Konsultation von Expert:innen außerhalb des formalen Projektteams

5. Balance zwischen Informalität und Formalität

Nicht jede Absprache muss formalisiert werden – aber wichtige Entscheidungen brauchen formale Legitimation. Als Faustregel: Operative Klärungen können informell erfolgen; Entscheidungen mit Ressourcen-, Personal- oder strategischer Tragweite sollten formal abgesichert werden. Dokumentieren Sie informelle Absprachen zumindest kurz (z.B. per Mail), um Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten.

6. Reflexion und Transparenz

Prüfen Sie regelmäßig: Wer ist in informelle Absprachen eingebunden, wer nicht? Werden bestimmte Personen systematisch übergangen? Sind Entscheidungswege für das Team nachvollziehbar? Informelle Koordination sollte formale Strukturen ergänzen, nicht unterlaufen.

7. Wissen weitergeben

Informelle Netzwerke sind personengebunden und gehen bei Personalwechseln verloren. Dokumentieren Sie Ihr Kontaktwissen für Nachfolger:innen: Wer ist bei welchen Fragen hilfreich? Welche informellen Regeln gelten? Führen Sie Übergabegespräche, die auch die informelle Landschaft abbilden.

Hinweise

Effekte

Erwartet:

• Schnellere Abstimmungen und kürzere Reaktionszeiten

• Besserer Zugang zu Informationen und Expertise

• Effektivere Konfliktprävention durch Vorgespräche

Unerwartet:

• Gatekeeper wurden zu wichtigen Unterstützer:innen, die das Projekt aktiv förderten, obwohl sie formal nicht beteiligt waren

• Die informellen Kontakte blieben auch nach Projektende bestehen und erleichterten Folgeprojekte

Risiken:

• Informelle Strukturen können bei Personalwechseln zusammenbrechen

• Personen ohne Netzwerkzugang werden potenziell benachteiligt

• Intransparenz kann Vertrauen im Team untergraben

Learnings

Informalität ist strukturell notwendig: In lose gekoppelten Hochschulstrukturen können formale We-ge allein die Koordinationsbedarfe nicht decken. Informelle Koordination ist kein Ausweichen, sondern produktive Ergänzung.

Netzwerke erfordern kontinuierliche Pflege: Beziehungen, die nicht gepflegt werden, verfallen. Auch wenn kein akuter Bedarf besteht, lohnt sich regelmäßiger Kontakt.

Reziprozität ist Grundlage: Wer nur nimmt, verliert Kredit. Informelle Koordination funktioniert nur, wenn man selbst auch Unterstützung anbietet.

Grenzen ernst nehmen: Informelle Wege können Transparenz untergraben und Ausschlüsse produzie-ren. Die eigene Praxis muss kritisch reflektiert werden.

Empfehlung

Eine Alternative wäre die konsequente Formalisierung: mehr Gremien, klarere Zuständigkeiten, verbindli-chere Berichtswege. Dies kann sinnvoll sein, wenn informelle Koordination an Grenzen stößt – etwa bei mangelnder Transparenz, systematischen Ausschlüssen oder fehlender Nachvollziehbarkeit von Ent-scheidungen.

In der Praxis hat sich jedoch eine Mischung bewährt: formale Strukturen für Entscheidungen mit Tragwei-te, informelle Wege für operative Abstimmung. Die Kunst liegt darin, situativ zu entscheiden, welcher Weg angemessen ist – und diese Entscheidung transparent zu machen.

Tipps

- Führen Sie ein "Kontakt-Logbuch": Wer ist bei welchen Fragen hilfreich?

- Nutzen Sie die Kaffeeküche strategisch – dort entstehen viele informelle Absprachen

- Fragen Sie bei Unsicherheiten lieber einmal zu viel nach als zu wenig

- Bieten Sie selbst Hilfe an, bevor Sie um Hilfe bitten

- Halten Sie informelle Absprachen bei Bedarf schriftlich fest (z.B. per Mail), um Verbind-lichkeit zu schaffen

- Seien Sie diskret – informelle Kanäle funktionieren nur bei Vertrauen

- Reflektieren Sie regelmäßig: Wen schließe ich aus?

Methoden

Empfohlen

Methoden
Stakeholder-Mapping, Netzwerkanalyse, Kennenlerngespräche, bilaterale Vorgespräche
Formate
Kaffee-Gespräche, kurze Check-ins per Telefon
Technische Tools
Chat-Tools (MS Teams, Slack), geteilte Kontaktlisten, einfache Netzwerk-Visualisierungen

Das könnte Sie auch interessieren

Projekt 101747
Projekt

Introduction in Mathematics Education Digital

Das Projekt IntroMathEDigi (Introduction in Mathematics Education Digital) zur Ausgestaltung von (digitalen) Lehrveranstaltungen vereint strukturell-inhaltliche Neugestaltung mit digitaler Innovation. Ausgerichtet an inhaltlichen Spektren im mathematikdidaktischen Diskurs mit einem digitalen Expertenvodcast (per YouTube, o.ä. Plattformen) besitzt die Veranstaltung Modellcharakter über das Fach Mathematikdidaktik hinaus. Lehramtsstudierende erhalten die Möglichkeit, in interaktiven Lehr-Lern-Formaten mathematikdidaktische Konzepte kritisch zu reflektieren. Dabei erhalten sie kontinuierlich authentische Impulse durch prominente fachdidaktische ExpertInnen. Als nachhaltiger Outcome entsteht ein ständig aktualisierter Vodcast zu fachdidaktischen Themen.

Projekt anzeigen
Maßnahme 100129
Maßnahme

Immersive Technologie in der Hochschule etablieren

Das VR-Lab bietet Lehrenden einen Raum, um immersive Technologien wie Virtual Reality, Augmented Reality, Mixed Reality, Extended Reality und 360°-Anwendungen für die eigene Lehre zu erproben. Da in der Hochschullehre häufig nur begrenzte Zeit und Ressourcen für experimentelle Methoden zur Verfügung stehen – trotz hoher Motivation und Engagement seitens der Lehrenden – setzt das Labor gezielt hier an. Es unterstützt Lehrende auf unterschiedlichen Kompetenzstufen, fördert praxisnahes, eigenständiges Ausprobieren und schafft eine kollegiale, förderliche Lernatmosphäre. Zentrales Element ist eine gelebte Experimentier- und Fehlerkultur, die dazu ermutigt, Neues zu wagen und aus den Auseinandersetzungen mit Bildungstechnologien produktive Lernerfahrungen zu gewinnen. Entscheidend ist zudem die Berücksichtigung individueller Bedürfnisse, um Vorbehalte abzubauen und Technikskepsis entgegenzuwirken. Der Erfolg des Lehrlabors basiert auf dem Zusammenspiel technischer, didaktischer und sozialer

Maßnahme anzeigen
Publikation 100017

Studentische Partizipation weiterdenken: Gelebte Mitbestimmung als Zukunftsaufgabe der Hochschule

[Kurzbeschreibung folgt (Anm. StIL)]

Publikation anzeigen