
Interprofessionelle Ausbildung im Medizinstudium und anderen Gesundheitsberufen
Die Versorgung komplexer Wunden gehört zum Alltag verschiedener Gesundheitsberufe und muss im Sinne der Patientensicherheit professionell durchgeführt werden können. Ärzt*innen, Pflegefachkräfte und Apotheker*innen bringen dazu ihre professionellen Perspektiven ein. Die Lehre dazu erfolgt bisher monoprofessionell und oft unzureichend anhand von Lehrbüchern oder plastischen Modellen. Med.ia-versum hat zum Ziel, die diagnostische und kollaborative Problemlösekompetenz von Studierenden der Medizin und anderer Gesundheitsberufe durch immersive Lehre zu fördern. Die Lernenden durchlaufen realitätsnahe Versorgungsszenarien zum interprofessionellen Wundmanagement. Dabei vertiefen sie ihr prozedurales Wissen durch realitätsnahes, dreidimensionales Erleben und Interagieren. Den Kern von Med.ia-versum bilden zwei VR-Lernszenarien, in denen Wunddiagnostik und -behandlung mittels Virtual Reality simuliert werden. Die Lernenden tauschen berufsspezifisches Wissen zur Wunddiagnostik aus und erstellen Behandlungspläne. Dabei werden sie durch individualisiertes Scaffolding sowie Feedback- und Reflexionssysteme unterstützt. Die Lernenden nehmen nicht nur passiv Informationen auf, sondern üben durch aktives Handeln. Die Komplexität von Wundheilung und Behandlungsmöglichkeiten wird dreidimensional erfahrbar und Entscheidungen werden im interprofessionellen Team reflektiert.
Auf einen Blick
Ausführliche Beschreibung
Immersives VR-Training zur Wundversorgung – Ein übertragbares Konzept für interprofessionelle Ausbildung
Beschreibung
Die Versorgung chronischer Wunden ist eine komplexe klinische Herausforderung, die eine enge Zusammenarbeit verschiedener Gesundheitsfachberufe (Medizin, Pflege, Pharmazie) erfordert. Gleichzeitig ist die Wundversorgung in den Curricula der verschiedenen Gesundheitsfachberufe bislang nicht systematisch verankert (weitere Infos siehe hier; Weiß et al., 2026) .
Um diese Lücke zu schließen, hat das Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin des LMU Klinikums gemeinsam mit dem Unternehmen Medverse zwei interprofessionelle Trainingskonzepte auf Basis immersiver Virtual Reality (iVR) entwickelt. Dabei bearbeiten Studierende der Medizin, Pflege und Pharmazie realitätsnahe Szenarien (Szenario 1: Wundversorgungsprozess; Szenario 2: Wundanamnese). Das Ziel besteht darin, deklaratives und prozedurales Wissen in koordiniertes interprofessionelles Handeln zu überführen.
Szenario 1: Hier bearbeiten interprofessionelle Teams einen vollständigen Wundversorgungsprozess (Dekubitus Grad 2) von der Übergabe bis zur Nachsorge. Dabei treffen sie klinische Entscheidungen, führen Maßnahmen durch und reflektieren ihr Vorgehen anhand strukturierter Rückmeldungen (siehe Video) .
Szenario 2: Hier führen interprofessionelle Teams eine strukturierte Wundanamnese mit einem KI-basierten virtuellen Patienten durch (Diabetisches Fußsyndrom). Der Patient reagiert dynamisch auf Fragen, sodass anamnestische Gesprächsführung und klinische Entscheidungsfindung realitätsnah trainiert werden können.
Unsere Motivation
Bis zu etwa 2 % der Bevölkerung in industrialisierten Ländern sind von chronischen Wunden betroffen, die erhebliche gesundheitliche und ökonomische Belastungen verursachen. Gleichzeitig gibt es Unterschiede in der Vermittlung von Kompetenzen zur Wundbeurteilung und -versorgung in den Studiengängen Medizin, Pflege und Pharmazie.
Typische Herausforderungen sind:
uneinheitliche Integration der Wundversorgung in Curricula
begrenzte Möglichkeiten zur interprofessionellen Zusammenarbeit
fehlende standardisierte Rückmeldestrukturen
begrenzte Übungsgelegenheiten für komplexe klinische Abläufe
hohe Anforderungen an Koordination und Kommunikation zwischen Berufsgruppen
Zielsetzung
Das Projekt zielte auf die evidenzbasierte Entwicklung und Evaluation zweier immersiver Trainingsformate ab und wurde vorab u.a. mittels Expertenrunde überprüft und überarbeitet.
die systematische Durchführung von Wundversorgungsprozessen (Szenario 1) bzw. Wundanamnese (Szenario 2) Schritt für Schritt trainiert
interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Studierenden fördert
strukturierte Entscheidungsprozesse unterstützt
kognitive Belastung gezielt steuert
eine Integration in bestehende Lehrveranstaltungen ermöglicht
Didaktisches Konzept
Das Trainingsdesign beider Szenarien basiert auf lernwissenschaftlichen Prinzipien und verbindet strukturiertes Scaffolding mit interprofessionellen Kollaborationsskripten.
Zentrale Gestaltungselemente:
schrittweise Unterstützung bei komplexen Handlungsschritten
strukturierte Entscheidungsfragen
interprofessionelle Kommunikation durch Kollaborationsskripte
gemeinsame Reflexionsphasen
schrittweise Reduktion der Unterstützung zur Förderung selbstständigen Handelns
Lehrveranstaltung und Ablauf
Das VR-Training wurde im Rahmen einer interprofessionellen Lehrveranstaltung umgesetzt. Über 100 Studierende aus Medizin, Pflege und Pharmazie arbeiteten in interprofessionellen Kleingruppen („Triaden“).
Die Teams durchliefen die Szenarien jeweils in drei Phasen:
1. Vorbereitung:
Strukturierte Patientenübergabe im SBAR-Format und Planung des Vorgehens anhand vorhandener Dokumentation.
2. Patientenkontakt:
Durchführung der Wundversorgung (Szenario 1) bzw. Wundanamnese (Szenario 2) im virtuellen Patientenzimmer, einschließlich Wundbeurteilung, Auswahl von Maßnahmen, Dokumentation und Patientenedukation. Alle Abläufe orientierten sich an klinischen Standards und Hygienevorgaben.
3. Nachbereitung:
Reflexion der Behandlung sowie Planung weiterer Maßnahmen.
Begleitend zur Lehrveranstaltung wurde eine wissenschaftliche Evaluation im Prä–Post-Design durchgeführt.
Gelingensbedingungen
Erfolgsfaktoren für die Umsetzung waren:
klare didaktische Strukturierung
Integration interprofessioneller Kommunikation
Orientierung an klinischen Standards
iterative Weiterentwicklung auf Basis von Evaluation
enge Zusammenarbeit zwischen Fachinhalt, Didaktik und Technik
Übertragbarkeit
Das Konzept ist insbesondere geeignet für:
interprofessionelle Lehrveranstaltungen
Trainings komplexer klinischer Abläufe
simulationsbasierte Kompetenzentwicklung
Curriculums- und Organisationsentwicklung
Kontakt
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