
Workshops zur Förderung von Ernährungskompetenz (Food Literacy)
Ernährungsbildung junger Erwachsener gilt als einer der Schlüssel für die nachhaltige Entwicklung von Umwelt und Gesundheit. Studien zeigen steigenden Unterstützungsbedarf bei der Entwicklung eines selbstbestimmten, verantwortungsbewussten und nachhaltigen Ernährungsverhaltens (food literacy). Eine Befragung von Studierenden an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (N=905) am Standort Ravensburg bestätigte Defizite und lieferte Hinweise auf konkrete Herausforderungen von (dual) Studierenden. Auf Basis dieser Erkenntnisse und der theoretischen Grundlagen von Food Literacy (Definition und Dimensionen nach Vidgen/Gallegos, 2014; Kompetenzraster Food Literacy, BZfE) wurden zwei Workshops entwickelt, die es Studierenden ermöglichen interaktiv und praxisnah Kompetenzen zu entwickeln oder zu erweitern. Sensibilisierung für Aspekte gesunder Ernährung sowie Motivation für das selbstständige Zubereiten von Speisen aus frischen Zutaten soll geweckt werden.
Kategorien
Beschreibung
Herausforderung
Befragungsergebnisse zeigten, dass der Zeitbedarf in Zusammenhang mit Einkauf und Zubereitung von Speisen aus frischen Zutaten von Studierenden als Herausforderung erachtet wird. Außerdem wurden Defizite in den Bereichen Mahlzeiten planen und smart snacken identifiziert. Diese und weitere wichtige Aspekte in Zusammenhang mit gesunder und nachhaltiger Ernährung werden durch die Workshops adressiert.
Herangehensweise
Die Kurskonzepte basieren auf ausgewählten Aspekten des Kompetenzrasters Food Literacy des BZfE (Bundeszentrum für Ernährung). Sie wurden von Ernährungsexperten eines renommierten Dualen Partnerbetriebs entwickelt. Vor dem Hintergrund der Befragungsergebnisse wurden Lernziele und Inhalte ausgewählt, um besondere Herausforderungen wie Zeitmangel und die eigene Zubereitung von Mahlzeiten und Snacks anzugehen. Studierende werden durch kurze Inputs und praktischen Einheiten dazu befähigt, eigenständig und zeiteffizient, vegane und vegetarische Gerichte zu zubereiten. Dabei wird auf alltagsnahe Rezepte und hygienisches sowie sicheres Arbeiten wert gelegt. Die Kurse werden durch einen ausgebildeten Koch/Köchin durchgeführt, welche/r durch eine weitere Person unterstützt wird (max. TN 20 Personen). Abschließend wird gemeinsam gegessen und Erfahrungen ausgetauscht, um die Motivation für Verhaltensveränderungen im Alltag zu fördern und die vier Dimensionen von Food Literacy zu adressieren.
Zusammenhang
Die Workshops wurden im Rahmen eines extracurricularen Schulungsangebots des Zentrums für Life Sciences (ZLS) im Kulinarischen Entwicklungszentrum (food lab, Lehrküche) der DHBW Ravensburg erprobt, weiterentwickelt, durchgeführt und evaluiert. Darüber hinaus wurde ein Workshop in einer Lehrveranstaltung im 5./6. Semester getestet, um gezielt Hinweise für die Weiterentwicklung und Finalisierung der Konzepte von der Zielgruppe (Studierende) zu erhalten.
Voraussetzung
Für die Durchführung der beiden Workshops mit bis zu 20 Teilnehmenden ist eine gut ausgestattete Küche sowie eine ausgebildete Fachkraft (Oecotropholog*in, Koch/Köchin) erforderlich. Da im Rahmen der Vorbereitung (Einkauf), Umsetzung (spülen, aufräumen), und Nachbereitung (sauber machen) zahlreiche Aufgaben anfallen, sollte die Fachkraft von einem weiteren Mitarbeitenden (z.B. studentische Hilfskraft, Laboringenieur*in) unterstützt werden. Sachmittel in Form von Reinigungsmitteln, Schürzen, Geschirrtücher sowie (Bio-)Lebensmittel sind für die Durchführung erforderlich.
Eignung
Die Nachfrage und das Interesse der Studierenden an diesem extracurricularen Angebot war groß. Bezogen auf die Workshop-Teilnehmenden (ca. 30% männlich, 70% weiblich), welche die Kursevaluation vollständig ausgefüllt haben, fühlten sich rund 80% der Studierenden nach der Kursteilnahme bei der Zubereitung von Speisen aus frischen Zutaten sicherer oder deutlich sicherer. Die Studierenden schätzten die Möglichkeit der anwendungsorientierten Umsetzung unter Anleitung ausgebildeter Fachkräfte, das Kennenlernen neuer Rezepte, die Informationen zu gesunder Ernährung sowie das Experimentieren in Kleingruppen und die gute Atmosphäre. Solche niederschwelligen Angebote können wichtige Impulse liefern und den Grundstein legen, jedoch scheint ein kontinuierliches Angebot empfehlenswert, um nachhaltiges und gesundes Ernährungsverhalten im Alltag zu verankern. Junge Erwachsene ohne Interesse am Thema Ernährung zu motivieren, ist dabei eine der größten Herausforderungen.
Vorgehen/Schritte
Aktuell gibt es erste Erkenntnisse zu den Einflussfaktoren, dem Stand der Ernährungskompetenz (food literacy) junger Erwachsener in Deutschland sowie deren Essverhalten. Da sich die Lebensrealität von dual Studierenden möglicherweise von jungen Erwachsenen an anderen Hochschultypen oder in anderen Regionen unterscheidet, kann eine eigene Datenerhebung bzgl. zentraler Herausforderungen, Wissen, Interessen und Fähigkeiten wertvoll sein. Möglicherweise könnten insbesondere qualitative Ergebnisse, die im Rahmen dieses Projekts erhobenen Erkenntnisse ergänzen. Vor allem die Perspektive junger Erwachsener, die bisher wenig am Thema gesunde, nachhaltige Ernährung interessiert und wenig motiviert sind, scheint wertvoll, um besonders diese jungen Menschen für Maßnahmen und Inhalten zu gewinnen, die am meisten davon profitieren würden.
Einzelne Kurse können erfolgreich Impulse liefern, sensibilisieren und jungen Erwachsenen die Möglichkeit geben, in einer sicheren Umgebung (erste) Erfahrungen mit gesunder, nachhaltiger Ernährung zu sammeln. Damit die Maßnahmen langfristig zu einer Verhaltensveränderung beitragen, könnte ein Programm mit kontinuierlichen, unterschiedlichen Impulsen sowie curricularen und extracurricularen Angeboten zielführend sein. Ideal wäre damit im 1. Semester zu beginnen. Studentisches Gesundheitsmanagement, sofern vorhanden, könnte hier eine sinnvolle Verankerung bieten.
Die Workshops wurden auf die vorhandene, gut ausgestattete Lehrküche an einem DHBW Standort ausgerichtet. Die Lernziele, Rezepte und die didaktische Vorgehensweise könnten je nach Infrastruktur angepasst werden. Das Kompetenzraster des BZfE bietet Möglichkeiten anderweitig Schwerpunkte zu legen. Möglicherweise kann auch eine Kooperation mit anderen Institutionen sinnvoll sein, um ein niederschwelliges Angebot für junge Erwachsene anzubieten, z. B. Landeszentrum für Ernährung Baden-Württemberg . Ein Wechsel aus theoretischem Input und praktischer Umsetzung ist jedoch grundsätzlich empfehlenswert. Außerdem scheinen für diese Zielgruppe auch digitale Lernmaterialien sinnvoll zu sein.
Hinweise
Effekte
Interesse der Studierenden war größer als erwartet;
Gesamtangebot der Hochschule im Blick haben, da andere Angebote (Sport, Sprachen, …) die Teilnahme extracurricularer Angebote einschränken oder negativ beeinflussen (kurzfristige Abmeldungen) können;
Studierende motivieren sich gegenseitig zur Teilnahme;
Effekt zur Steigerung der Ernährungskompetenz konnte nach Teilnahme an 1-2 Kursen nicht nachgewiesen werden;
Lehrküche wird als lernförderndes Ambiente wahrgenommen, insbesondere der anwendungsorientierte Ansatz, der direkte Umsetzung von Gelerntem ermöglicht, wird als sehr positiv wahrgenommen – unabhängig des Studienschwerpunkts der Studierenden;
Studierende haben teilweise bis zu 25km zurückgelegt, um an Workshops teilzunehmen;
es haben mehr weibliche Studierende an Workshops teilgenommen;
sehr wahrscheinlich haben vor allem die Studierenden an Workshops teilgenommen, die ohnehin schon am Thema interessiert sind;
geringe Beteiligung an den WorkshopEvaluationen
Learnings
Grundsätzlich ist Interesse junger Erwachsener am Thema (gesunde und nachhaltige) Ernährung vorhanden. Fähigkeiten und Kenntnisse sind trotz vermeintlich einheitlicher Zielgruppe (Alter, Bildung, ...) sehr heterogen. Ein Lernumfeld welches es ermöglicht auf individuelle Fragen einzugehen wird als hilfreich wahrgenommen. Leider fielen die Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit der Anmeldungen zu den Workshops sehr unterschiedlich aus. Gründe dafür konnte nicht abschließend geklärt werden. Es scheint empfehlenswert mit einer großen Anzahl Warteliste-Plätze zu arbeiten. Möglicherweise könnte es helfen Termine anzukündigen, die Buchbarkeit jedoch erst kurzfristig zu ermöglichen (dies wurde im Rahmen des Projekts nicht getestet). Die Bereitschaft an Evaluationen teilzunehmen ist eher gering.
Datenauswertung deutet Zusammenhang zwischen Kompetenzstand und Ernährungsverhalten (Mensabesuch, Konsum von UPF) an. Weitere Daten zum Ess- und Einkaufsverhalten wäre wichtig, um Zielgruppe zu verstehen.
Empfehlung
Es scheint empfehlenswert, die Workshops in ein größeres Gesamtkonzept zur Nachhaltigkeitsbildung und/oder stud. Gesundheitsmanagement einzubetten. Im Rahmen eines solchen Gesamtkonzepts könnten verschiedene Lehr-/Lernformen zum Einsatz kommen (E-Learning, interaktive Workshops, Mini-Impulse, Vorstellung eigener Themen, Reflexionen nach Umsetzung ausgewählter Rezepte, Exkursionen zu regionalen Erzeuger*innen etc.). Eine Art Basiskurs zu hauswirtschaftlichen Grundlagen sowie zur Vermittlung von Grundkenntnissen (Garmethoden, Hygiene, Arbeitssicherheit) scheint eine empfehlenswerte Grundlage für weiterführende Kurse und Angebote. Besonders empfehlenswert wäre die Beobachtung und Begleitung einer ausgewählten Gruppe von TN, die im Verlauf des Studiums vom ersten bis zum letzten Semester regelmäßig Angebote zur Förderung von Ernährungskompetenz wahrnimmt. Eine qualitative Datenerhebung - Gespräche insbesondere mit wenig interessierten/motivierten Studierenden - könnte hilfreich sein.
Tipps
Studierende zur Bewerbung von Kursangeboten einsetzen (z. B. über soziale Medien). Möglicherweise würde ein kostenpflichtiges Angebot die Verbindlichkeit erhöhen, jedoch unklar wie hoch der Kostenzuschuss sein müsste, um den erwünschten Effekt zu erzielen und nicht als zu hoch wahrgenommen zu werden. Sollte zu Beginn eines Programms zur Förderung von Ernährungskompetenz eine Erhebung stattfinden, Codes vergeben, die nach der Teilnahme an Maßnahmen bei der Endevaluation eingegeben werden können.
Sonstiges
Der Kursevaluationsprozess war zweigeteilt. Direkt im Anschluss konnten die TN den Kurs evaluieren (Fragebogen über QR-Code, Online in Präsenz). Trotz des Engagements der studentischen Hilfskraft und Koch/Köchin konnte keine 100%-Teilnahme erreicht werden. Die Endevaluation wurde jeweils zum Semesterende per Mail verschickt. E-Mail-Distribution und unterschiedlich lange Zeiträume seit der Teilnahme führten leider zur einer sehr geringen Rücklaufquote.
Kontakt
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