
Iterative Portalentwicklung mit kontinuierlichem Nutzendenfeedback
Bei der Entwicklung des Portals DACHS zur digitalen Barrierefreiheit bestand die Herausforderung darin, ein technisch komplexes Tool mit einem kleinen Team, das Entwicklung, Projektmanagement und inhaltliche Konzeption gleichermaßen abdeckte, nutzerfreundlich und bedarfsgerecht für Lehrende zu gestalten. Um Fehlentwicklungen frühzeitig zu erkennen und die Bedürfnisse der Zielgruppe kontinuierlich einzubeziehen, wurde das Portal in vier aufeinanderfolgenden Reifegraden entwickelt: Prototyp, Alpha, Beta und finale Version. Nach jedem Entwicklungsschritt wurde das jeweilige Release mit Vertreter*innen der Zielgruppe getestet. Das dabei gewonnene Feedback floss systematisch in die jeweils nächste Entwicklungsstufe ein. Auf diese Weise konnte das Portal schrittweise an die tatsächlichen Bedürfnisse von Lehrenden angepasst und Entwicklungsrisiken frühzeitig reduziert werden, bevor größere Ressourcen investiert wurden.
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Beschreibung
Herausforderung
Werden Rückmeldungen von Nutzenden erst spät eingeholt, laufen digitale Portale Gefahr, an den Bedürfnissen der Zielgruppe vorbeientwickelt zu werden. Fehlannahmen werden dann oft erst erkannt, wenn Korrekturen bereits aufwändig sind. Das kann insbesondere für kleine Projektteams zu einer großen Herausforderung werden.
Herangehensweise
Es erwies sich als hilfreich, das Portal in klar abgegrenzten Reifegraden zu entwickeln (im Fall von DACHS: Prototyp, Alpha, Beta und finale Version). Nach jedem Meilenstein wird die jeweilige Version mit der Zielgruppe in strukturierten Testszenarien evaluiert. Die gesammelten Rückmeldungen werden priorisiert und gezielt in die Planung der nächsten Entwicklungsstufe integriert. Auf diese Weise entsteht ein iterativer Zyklus aus Entwickeln, Testen, Auswerten und Anpassen, der es ermöglicht, Fehlentwicklungen frühzeitig zu erkennen, Ressourcen gezielt einzusetzen und das Portal schrittweise an die tatsächlichen Bedürfnisse der Zielgruppe anzupassen. Dieses Vorgehen erweist sich als effizienter sowie ressourcenorientierter als das fertige Produkt erst am Ende der Entwicklung zu evaluieren.
Zusammenhang
Diese Vorgehensweise wurde im Rahmen der dreijährigen Entwicklung des DACHS-Portals angewendet. Das Projekt wurde von einem kleinen, interdisziplinären Team umgesetzt, welches Entwicklung, Projektmanagement und inhaltliche Konzeption gemeinsam verantwortete. Getestet wurde mit Lehrenden als Zielgruppe des fertigen Portals.
Voraussetzung
Für dieses Vorgehen braucht es
Kontinuierlichen Zugang zu Personen aus der Zielgruppe, die bereit sind, Zwischenversionen zu testen und Feedback zu geben;
ausreichend zeitlichen Puffer im Projektplan, um auf Feedback reagieren und Anpassungen vornehmen zu können – statt einem starren Entwicklungsplan zu folgen;
im Team die Bereitschaft, Zwischenergebnisse kritisch hinterfragen zu lassen und bereits Entwickeltes ggf. zu verwerfen oder anzupassen;
eine Möglichkeit, Feedback strukturiert zu erfassen und auszuwerten.
Eignung
Dieses Vorgehen eignet sich besonders für Projekte, die
ein digitales Produkt mit einer klar definierten, erreichbaren Nutzendengruppe entwickeln,
ausreichend Projektlaufzeit für die geplanten Entwicklungs- und Testzyklen haben (bei DACHS z. B. drei Jahre), und
wiederholten Zugang zu Testnutzenden haben.
Weniger geeignet ist der Ansatz bei sehr kurzer Projektlaufzeit oder fehlendem Zugang zu Testnutzenden.
ein digitales Produkt mit einer klar definierten, erreichbaren Nutzendengruppe entwickeln,
ausreichend Projektlaufzeit für die geplanten Entwicklungs- und Testzyklen haben (bei DACHS z. B. drei Jahre), und
wiederholten Zugang zu Testnutzenden haben.
Vorgehen/Schritte
Es wird folgendes Vorgehen empfohlen, um ein digitales Tool iterativ mit kontinuierlichem Nutzendenfeedback zu entwickeln:
Zielgruppe und Testpersonen früh identifizieren: Definieren Sie, wer die zentrale Nutzendengruppe ist, und bauen Sie frühzeitig einen Pool an Personen auf, die bereit sind, mehrfach im Projektverlauf Feedback zu geben.
Prototyp entwickeln: Setzen Sie zunächst nur die Kernfunktionen um, mit möglichst geringem Entwicklungsaufwand (z. B. Klickdummy oder Mockup), um früh testbares Material zu haben.
Prototyp testen: Führen Sie strukturierte Tests durch (z. B. Thinking-Aloud-Methode, leitfadengestützte Interviews, Fragebögen). Kombinieren Sie offene Fragen („Was fehlt Ihnen?“) mit konkreten Aufgaben („Führen Sie Aufgabe X aus“).
Feedback systematisch auswerten und priorisieren: Sammeln Sie alle Rückmeldungen zentral, clustern Sie sie nach Themen und unterscheiden Sie zwischen „muss angepasst werden“, „sollte angepasst werden“ und „nice to have“.
Alpha-Version entwickeln: Setzen Sie die priorisierten Anpassungen um und erweitern Sie den Funktionsumfang. Dokumentieren Sie, welche Entscheidungen aus welchem Feedback resultieren – das erleichtert spätere Nachvollziehbarkeit.
Alpha testen: Wiederholen Sie den Testzyklus mit derselben oder einer erweiterten Testgruppe. Prüfen Sie auch, ob vorheriges Feedback zufriedenstellend umgesetzt wurde.
Beta-Version entwickeln und testen: Wiederholen Sie den Zyklus ein weiteres Mal – die Beta sollte inhaltlich und technisch weitgehend vollständig sein und unter möglichst realistischen Bedingungen getestet werden.
Finale Version fertigstellen: Nehmen Sie letzte Anpassungen vor und führen Sie einen abschließenden Test oder ein Review durch, bevor Sie veröffentlichen.
Ergebnisse kommunizieren: Stellen Sie die finale Version öffentlich vor (z. B. in einer Abschlussveranstaltung) und machen Sie transparent, wie Nutzendenfeedback eingeflossen ist.
Hinweis: Die Anzahl der Testzyklen kann je nach Projektumfang angepasst werden. Der dargestellte Vorgang orientiert sich am Projekt DACHS.
Wichtige Empfehlungen für die Umsetzung
Planen Sie von Anfang an feste Zeitfenster für Testung und Auswertung im Projektplan ein, statt sie nebenbei mitlaufen zu lassen.
Halten Sie die Testgruppe möglichst konstant, damit Sie beobachten können, wie sich die Wahrnehmung über die Reifegrade hinweg verändert.
Seien Sie bereit, bereits entwickelte Funktionen wieder zu verwerfen oder grundlegend zu überarbeiten, wenn das Feedback dies nahelegt.
Dokumentieren Sie Testergebnisse und Entscheidungen fortlaufend, damit Wissen nicht verloren geht, wenn Teammitglieder wechseln.
Hinweise
Effekte
Erwartungsgemäß führte das kontinuierliche Feedback zu einer spürbar höheren Nutzendenfreundlichkeit und Passgenauigkeit des Portals für die Zielgruppe. Unerwartet war, wie unterschiedlich die Testpersonen die vier Portalbereiche bewerteten: Je nach persönlichem Bedarf empfanden sie jeweils andere Bereiche als besonders nützlich. Wiederum stellte sich heraus, dass der Portalbereich „Simulieren“ besonders positiv bei der Zielgruppe ankam.
Als Kehrseite zeigte sich, dass die wiederholten Testrunden mehr Organisations- und Zeitaufwand erforderten als ursprünglich eingeplant, insbesondere für Terminfindung, Auswertung und Kommunikation der Ergebnisse. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Eingrenzung des Testzeitraums auf kurze Perioden. Feedback kann somit zeitnah eingeholt und schnell umgesetzt werden.
Learnings
Frühes, ehrliches Feedback erwies sich retrospektiv als wertvoller als ein möglichst perfekt wirkender erster Entwurf – auch unfertige Prototypen liefern wichtige Erkenntnisse. Zudem hat sich gezeigt, dass eine feste, jedoch nicht zu kleine Testgruppe hilfreich ist. Während zu wenige Personen kein belastbares Bild liefern, erschweren zu viele Proband*innen, speziell in Projekten mit geringen zeitlichen sowie personellen Ressourcen, die Auswertung. Wichtig war außerdem, Feedback nicht nur zu sammeln, sondern sichtbar in Entscheidungen einfließen zu lassen und dies auch an die Testenden zurückzuspiegeln – das erhöhte die Motivation, erneut mitzuwirken.
Tipp: Die Einbindung von Expert*innen zum jeweiligen projektbezogenen Fachgebiet wird ausdrücklich empfohlen. Somit wird Nutzendenerfahrung mit Expertenwissen kombiniert und ein umfassendes Ergebnis erzielt.
Empfehlung
Rückblickend könnte man erwägen, statt vier festen Reifegraden (Prototyp, Alpha, Beta, Final) mit kürzeren, aber häufigeren Testzyklen zu arbeiten, etwa im Sinne agiler Sprints mit kleineren Nutzendentests alle paar Wochen. Das würde Feedback noch enger an die Entwicklung koppeln und Fehlentwicklungen noch früher sichtbar machen. Für Projekte mit weniger Ressourcen kann dies allerdings zu viel Koordinationsaufwand bedeuten – hier ist das beschriebene Vorgehen mit einer geringen Anzahl an klar abgegrenzten Reifegraden oft der praktikablere Kompromiss.
Tipps
Beginnen Sie mit einem realistischen Zeitplan, der Test- und Auswertungsphasen fest einplant. Definieren Sie vorab klare Kriterien, wann eine Version fertig genug für die nächste Testrunde ist. Hierbei ist gute Planung zwar wichtig, jedoch sollten Sie sich nicht übermäßig lange mit perfektionistischen Ansprüchen aufhalten. Bauen Sie sich frühzeitig einen verlässlichen Pool an Testpersonen aus der Zielgruppe auf und pflegen Sie den Kontakt auch zwischen den Testrunden – tun sie dies möglichst niedrigschwellig. Dokumentieren Sie Feedback und daraus resultierende Entscheidungen zentral und nachvollziehbar, damit auch bei Teamwechseln nichts verloren geht.
Sonstiges
Der iterative Ansatz hat sich für das Projekt DACHS bewährt und lässt sich unabhängig vom Thema auf viele digitale Toolentwicklungen übertragen – entscheidend ist weniger das konkrete Thema als die Bereitschaft, Nutzende von Anfang an aktiv einzubeziehen.
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