
Das Digital-Humanities-Zertifikat der UA Ruhr
Im Verbund der Universität Duisburg Essen, der Ruhr-Universität Bochum und der Technischen Universität Dortmund wurde ein hochschulübergreifendes Digital-Humanities-Zertifikat implementiert, das Studierenden aller drei Standorte eine formale Zusatzqualifikation ermöglicht. Das dreistufige Modell aus Einführung, Vertiefung und Kolloquium mit Posterpräsentation setzt bewusst auf die Öffnung bereits bestehender Lehrveranstaltungen und schafft so Sichtbarkeit für DH-bezogene Lehre in der Universitätsallianz Ruhr (UAR). Wer ein ähnliches Zertifikat einführen möchte, sollte wissen: Die größten Herausforderungen liegen in der Information von Lehrenden und der Akquise von anrechenbaren Lehrveranstaltungen sowie in der Abstimmung im Verbund. Unterschiedliche Anrechnungsregelungen und Zuständigkeiten erforderten viel Koordinationsaufwand in der Pilotphase. Hilfreich ist es, Prozesse fortlaufend nachzusteuern sowie Lehrende frühzeitig aktiv mit einzubinden.
Kategorien
Beschreibung
Herausforderung
DH-Lernangebote sind an Hochschulen oft nur punktuell sichtbar und verstreut über einzelne Lehrveranstaltungen, ohne übergreifende Struktur oder formale Anerkennung. Studierende finden keinen klaren Einstiegspunkt, Lehrende erhalten keine Rückmeldung darüber, welchen Beitrag ihre Veranstaltungen zur DH-Ausbildung leisten. Ein standortübergreifendes Zertifikat setzt hier an: Es bündelt vorhandene Angebote, macht sie sichtbar und schafft einen Anreiz zur aktiven Auseinandersetzung.
Herangehensweise
Das Digital-Humanities-Zertifikat der UARuhr bündelt bestehende DH-bezogene Lehrveranstaltungen aller drei Standorte unter einem gemeinsamen Dach. Lehrende melden vorhandene Veranstaltungen zur Anrechnung an, Studierende stellen sich ihren individuellen Zertifikatspfad aus Einführungs- und Vertiefungsveranstaltungen zusammen und schließen mit einem Kolloquium ab, in dem sie ihre Ergebnisse aus einer Haus- oder Projektarbeit als Poster präsentieren. Entscheidend für die Akzeptanz ist die niedrigschwellige Integration. Lehrende müssen ihre Veranstaltungen nicht grundlegend umgestalten, sondern lediglich für das Zertifikat öffnen. Die frühzeitige Kooperation mit interessierten Lehrenden sowie kompakte Informationsmaterialien und Handreichungen erleichterten die Einbindung von Lehrveranstaltungen. Die hochschulübergreifende Koordination erfolgt über regelmäßige Abstimmungen im Projektverbund.
Zusammenhang
Das Zertifikat wurde im Verbund der Universitätsallianz Ruhr entwickelt und seit Wintersemester 25/26 in einer Pilotphase erprobt. Es bündelt vorhandene DH-bezogene Lehrveranstaltungen aus verschiedenen geisteswissenschaftlichen Fächern aller drei Standorte. Das erste Kolloquium mit Zertifikatsverleihung fand im Februar 2026 statt. Die hochschulübergreifende Koordination erfolgt über regelmäßige Abstimmungen der Projektteams.
Voraussetzung
Für die Implementierung eines hochschulübergreifenden DH-Zertifikats waren mehrere Voraussetzungen entscheidend. Grundlegend war hierbei ein belastbares Verbundnetzwerk. Ohne regelmäßigen Austausch und klare Zuständigkeiten zwischen den beteiligten Hochschulen lassen sich weder die Zusammenstellung anrechenbarer Veranstaltungen noch die Ausstellung des Zertifikats koordinieren. Es brauchte zudem die Bereitschaft von Lehrenden, ihre Veranstaltungen für das Zertifikat zu öffnen. Eine wichtige Gelingensbedingung ist zudem die doppelte Anrechenbarkeit: Studierende können erbrachte Leistungen sowohl für ihr Fachstudium als auch für das Zertifikat geltend machen, was die Attraktivität des Angebots erheblich steigert. Für Lehrende bedeutet die Öffnung ihrer Veranstaltungen zusätzliche Sichtbarkeit für DH-bezogene Lehre. Schließlich empfiehlt sich eine frühzeitige Klärung, wer nach Projektende operative Tätigkeiten übernimmt, denn ohne institutionelle Verankerung bleibt das Zertifikat fragil.
Eignung
Ein erster belastbarer Hinweis auf die Eignung des Zertifikatsmodells liefert die Pilotphase. Bereits im ersten Semester konnten an allen drei Standorten Veranstaltungen für das Zertifikat geöffnet werden. Beim ersten Kolloquium im Februar 2026 wurden elf Poster präsentiert und fünf Zertifikate ausgestellt, ein vielversprechender Auftakt. Darüber hinaus zeigt die wachsende Zahl geöffneter Lehrveranstaltungen, dass die niedrigschwellige Integration in bestehende Lehrkonzepte funktioniert. Lehrende verschiedener Fächer haben ihre Veranstaltungen ohne grundlegende Umgestaltung für das Zertifikat gemeldet. Für eine fundierte Einschätzung der langfristigen Wirkung fehlen derzeit noch Daten. Nachnutzende sollten daher frühzeitig eine systematische Evaluation einplanen, sowohl durch Lehrende als auch Studierende, insbesondere im Hinblick auf die Frage, ob das Zertifikat tatsächlich als Anreiz wirkt, DH-Angebote gezielt aufzusuchen und Veranstaltungen zu öffnen.
Vorgehen/Schritte
Wer ein ähnliches Zertifikat einführen möchte, profitiert von folgenden Erfahrungen aus der Pilotphase:
Bestandsaufnahme vor Konzeption
Vor der Implementierung lohnt sich eine systematische Bestandsaufnahme: Welche Lehrveranstaltungen mit thematischem Bezug existieren bereits am eigenen Standorten? Oft ist mehr vorhanden als erwartet, das Zertifikat macht es lediglich sichtbar und strukturiert. Eine solche Übersicht schafft zugleich eine belastbare Grundlage für Gespräche mit Lehrenden.Lehrende früh und niedrigschwellig ansprechen
Die Bereitschaft von Lehrenden, ihre Veranstaltungen zu öffnen, ist die wichtigste Gelingensbedingung. Kompakte Informationsmaterialien oder eine übersichtliche FAQ-Seite helfen, Hemmschwellen abzubauen und den Mehrwert für Lehrende klar zu kommunizieren. Persönliche Ansprache durch Multiplikator:innen hat sich dabei als wirksamer erwiesen als allgemeine Rundmails.Doppelte Anrechenbarkeit als Hebel nutzen
Die Möglichkeit, Leistungen sowohl für das Fach-/Ergänzungsstudium als auch für das Zertifikat geltend zu machen, ist ein entscheidender Anreiz für Studierende. Dieser Aspekt sollte in der Kommunikation des Angebots prominent platziert werden und erfordert im Vorfeld eine Klärung der jeweiligen Prüfungsordnungen an den beteiligten Standorten.Workflows frühzeitig dokumentieren
Die Pilotphase hat gezeigt, dass der Koordinationsaufwand erheblich ist. Vor allem bei der Abstimmung unterschiedlicher Anrechnungsregelungen und Zuständigkeiten, insbesondere wenn ein Zertifikat in Kooperation mehrerer Hochschulstandorte angboten werden soll. Es empfiehlt sich, Prozesse von Beginn an als Checklisten zu dokumentieren, damit der Aufwand mit wachsender Bekanntheit des Zertifikats sinkt und das Angebot auch nach Projektende von anderen weitergeführt werden kann.
Institutionelle Verankerung von Anfang an mitdenken
Ein Zertifikat, das allein auf Projektstrukturen basiert, ist fragil. Die Frage, wer bspw. langfristig die Pflege der Informationskanäle/Öffentlichkeitsarbeit, die Akquise der Lehrenden, die Durchführung des Kolloquiums und die Ausstellung des Zertifikats übernimmt, sollte nicht erst am Projektende gestellt werden. Frühzeitige Gespräche mit relevanten institutionellen Akteur:innen erhöhen die Chance auf eine nachhaltige Verstetigung.Pilotphase bewusst klein halten
Ein überschaubarer Start mit wenigen Veranstaltungen und einer klar definierten Zielgruppe ermöglicht es, den Workflow zu erproben und Kinderkrankheiten zu beheben, bevor das Angebot ausgeweitet wird. Die UA Ruhr-Erfahrung zeigt: Lieber mit einem soliden Fundament starten als mit einem breiten Angebot, das schwer zu koordinieren ist.
Hinweise
Effekte
Ein erwarteter Effekt war die wachsende Sichtbarkeit von DH-Lehrveranstaltungen. Das Zertifikat hat dazu beigetragen, dass Angebote verschiedener Fächer erstmals unter einem gemeinsamen Dach sichtbar wurden, sowohl für Studierende als auch für Lehrende. Unerwartet im positiven Sinne war, wie stark das Zertifikat als Vernetzungsinstrument wirkt. Die hochschulübergreifenden Abstimmungsformate haben nicht nur den Workflow koordiniert, sondern einen kontinuierlichen Austausch zwischen Lehrenden der drei Standorte angestoßen, der über das Zertifikat selbst hinausgeht. Als unterschätzte Herausforderung erwies sich der Koordinationsaufwand in der Pilotphase. Die Abstimmung unterschiedlicher Anrechnungsregelungen band mehr Ressourcen als erwartet. Bemerkenswert war zudem, dass das Interesse bereits in der Pilotphase über die Geisteswissenschaften hinausging, ein Hinweis darauf, dass DH-Kompetenzen fächerübergreifend als relevant wahrgenommen werden.
Learnings
Ein zentrales Learning ist, dass der Erfolg eines hochschulübergreifenden Zertifikats sowohl von der Qualität des Konzepts als von der Qualität der Beziehungen abhängt. Vertrauen zwischen den beteiligten Projektteams, regelmäßiger Austausch und eine klare Aufgabenteilung waren wichtige Gelingensbedingungen. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass Lehrende am ehesten zur Öffnung ihrer Veranstaltungen bereit sind, wenn der Mehrwert für sie klar kommuniziert wird und der Aufwand überschaubar bleibt. Hier hat die persönliche Ansprache durch Projektbeteiligte mehr bewirkt als institutionelle Kommunikationswege. Schließlich hat die Pilotphase verdeutlicht, wie wichtig es ist, Zuständigkeiten frühzeitig über den Projekthorizont hinaus zu klären. Ein Zertifikat lebt von Kontinuität, sowohl in der Pflege der Informationsangebote als auch in der verlässlichen Betreuung. Wer diese Fragen erst am Projektende stellt, riskiert, dass gut aufgebaute Strukturen mangels Zuständigkeit ins Leere laufen.
Empfehlung
Rückblickend würde sich eine frühere und systematischere Einbindung der Studierendenschaft empfehlen. In der Pilotphase lag der Fokus stark auf der Gewinnung von Lehrenden und der Abstimmung von Anrechnungsregelungen, die gezielte Ansprache und Aktivierung von Studierenden kam dabei etwas zu kurz. Ein niedrigschwelliges Informationsformat speziell für Studierende, etwa eine kurze Orientierungsveranstaltung zu Beginn des Semesters, hätte die Bekanntheit des Zertifikats früher steigern können. Darüber hinaus wäre es sinnvoll gewesen, die Dokumentation von Workflows und Zuständigkeiten noch konsequenter von Beginn an zu betreiben und nicht erst dann, als der Koordinationsaufwand spürbar wurde. Wer ein ähnliches Zertifikat plant, sollte von Anfang an eine verantwortliche Stelle benennen, die den Prozess auch nach Projektende trägt, und dies verbindlich vereinbaren, idealerweise bevor das Zertifikat in die Pilotphase geht.
Tipps
Wer das Zertifikat adaptieren möchte, sollte mit einer Bestandsaufnahme vorhandener DH-Lehrveranstaltungen beginnen, oft ist mehr vorhanden als erwartet. Der Aufbau eines verlässlichen Netzwerks engagierter Lehrender und diese frühzeitig als Critical Friends zur Weiterentwicklung des Produkts zu gewinnen, ist essentiell . Eine mehrfache Verwertbarkeit von belegten Veranstaltungen sollte frühzeitig geprüft und in der Kommunikation prominent platziert werden. Sie ist ein entscheidender Anreiz für Studierende. Prozesse und Zuständigkeiten sollten von Beginn an dokumentiert und über den Projekthorizont hinaus geklärt werden. Und schließlich: Klein anfangen. Ein solider Pilotstart mit wenigen Veranstaltungen schafft mehr Vertrauen als ein ambitionierter Auftakt, der schwer zu koordinieren ist.
Sonstiges
Das DH-Zertifikat der UA Ruhr ist mehr als eine Zusatzqualifikation, es ist ein stückweit ein Instrument zur Kulturveränderung. Es macht DH-Kompetenzen an Hochschulen sichtbar, fördert den interdisziplinären Austausch und schafft Anreize, wo bislang keine Strukturen waren.
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