
Agile Lehrformate etablieren
Agile Lehrveranstaltungen wurden so gestaltet, dass Studierende in Teams selbstorganisiert arbeiten, ihre Prozesse transparent machen und Lernschritte iterativ reflektieren. Methodisch kamen vor allem Scrum (Sprints, Reviews), Design Thinking (nutzerzentrierte, ergebnisoffene Problemlösung), Kanban Boards (Visualisierung von Arbeit), LEGO Serious Play (kreative Modellbildung) und Retrospektiven (systematische Reflexion) zum Einsatz. Blended-Learning-Formate verzahnten asynchrone Teamphasen mit Präsenzterminen. Die Erfahrungen zeigen eine hohe Anwendbarkeit über Fächer hinweg. Eine individuelle Anpassung an Lernziele, Inhalte und Zielgruppe ist für eine erfolgreiche Umsetzung nötig. Herausforderungen von agilen Formaten waren u.a. ein intensiverer Betreuungs- und Kommunikationsbedarf, die Sicherstellung der curricularen Anschlussfähigkeit, sowie die Akzeptanz für innovative Lehrformate bei Kollegen und Studierenden. Die Ergebnisse wurde in einem OER Methoden-Baukasten gebündelt.
Kategorien
Beschreibung
Herausforderung
Studentische Gruppenarbeiten sind eine Herausforderung für Lehrende und Studierende. Studierende verfügen z.T. über wenig Erfahrungen in der Teamarbeit, mangelnde Selbstorganisationsfähigkeiten und Konfliktbewältigungsstrategien. Dies zeigt sich besonders bei digitalen Formaten. Agil zu arbeiten gilt zudem als transformative Schlüsselkompetenz. Lehrende sollen Strukturierung, professionelle Begleitung, transparente Kommunikation und zugleich Freiräume für Verantwortungsübernahme ermöglichen.
Herangehensweise
Lehrende der Ostfalia HAW implementierten agile Methoden in ihren Lehrveranstaltungen in enger Begleitung durch Hochschuldidaktiker*innen. Abhängig von Gruppengröße, Lerninhalten und Lernzielen wurden passende agile Rahmenwerke und Methoden ausgewählt. Hierfür wurden u.a. Scrum und Design Thinking, LEGO® Serious Play® und Retrospektiven für den Lehrkontext adaptiert. Qualitative Lehrveranstaltungsevaluationen sowie das Feedback einer studentischen Fokusgruppe dienten den Lehrenden als Rückkopplungsschleifen für eine kontinuierliche Verbesserung ihrer Lehre. Überwiegend wurden Blended Learning Ansätze mit wechselnden Präsenz- und Teamarbeitsphasen genutzt. Digitale Tools (v.a. Kanban Boards und digitale Whiteboards) erhöhten die Transparenz über Lernfortschritte. Wöchentliche Online-Peer-Treffen und Workshops unterstützten die Lehrenden bei der Reflexion ihrer veränderten Rollen in den agilen Lehrsettings und schufen eine Community of Practice über Fakultätsgrenze hinweg.
Zusammenhang
Agile Lehrformate wurden passgenau auf die Gegebenheiten (Gruppengröße, Lernziele, Fachgebiet...) einzelner Lehrveranstaltungen angepasst. Die Initiative für die Lehrveränderung ging individuell von den Lehrenden aus.
Voraussetzung
Ideal sind Präsenz oder Blended-Learning-Settings, Veranstaltungen mit Projektanteilen oder Gestaltungsspielräumen, idealerweise mit 15 bis 35 Teilnehmenden. Größere Lehrveranstaltungen sind nur als Team-Teaching oder unterstützt von Tutoren, wiss. Mitarbeitenden etc. umsetzbar, da Agile Lehre mehr Beratungs- und Betreuungsaufwand durch Lehrende benötigt.
Lernziele sollten auf Problemlösen, Projektarbeit, Kreativität, Ko-Konstruktion und Prozessreflexion und weniger auf reine Stoffvermittlung fokussieren.
Bereitschaft und Offenheit der Lehrenden zum Ausprobieren innovativer Formate, der damit verbundenen Rollenänderung (vom Dozierenden hin zum Coach/Moderator) und zu kontinuierlichem Feedback.
Während der Implementationsphase individuelle didaktische Beratung (Hospitation und qualitative Evaluation) und idealerweise eine Community of Practice.
Curriculare Abstimmung zur Anschlussfähigkeit und Anpassung der Prüfungsleistung
Räume mit flexiblen Möbeln sind von Vorteil.
Eignung
Die breite Anwendbarkeit über verschiedene Fächer und Gruppengrößen bestätigt die Eignung agiler Methoden und Rahmenwerke für die Hochschullehre. Eine veranstaltungsübergreifende Vergleichsstudie war aufgrund heterogener Settings nicht zielführend, stattdessen wurden qualitative Evaluationen einzelner Lehrveranstaltungen durchgeführt und dokumentiert.
Vorgehen/Schritte
Wenn Sie agile Lehrformate in einer Lehrveranstaltung nutzen möchten, finden Sie neben den folgenden Stichpunkten, ausführliche Informationen zu agilen Rahmenwerken, Methoden und Best Practices unter https://blogs.sonia.de/aggit/ .
Als Vorgehen empfiehlt sich:
Stellen sie zuerst (nur) eine Lehrveranstaltung auf ein agiles Format um und sammeln sie erste Erfahrungen.
Nutzen Sie für die Umstellung idealerweise Angebote wie professionelle didaktische Beratung, Hospitation und qualitative Evaluationsformate.
Agile Lehre ist iterativ: Durch Feedback und Reflexion wird regelmäßig geprüft, ob Lernziele erreicht werden (Inspektion), bei Bedarf wird die Lehrveranstaltung angepasst (Adaption).
Wählen Sie eine Lehrveranstaltung mit Projektanteilen oder Gestaltungsspielräumen. Die Lernziele sollten auf Problemlösen, Projektarbeit/-management, Kreativität, und Reflexionsfähigkeit der Studierenden und weniger auf Stoffvermittlung fokussieren.
Ideale Kursgröße: 10–30 Teilnehmende. Größere Formate als Team-Teaching, Co-Moderation oder mit Tutor:innen planen.
Wählen Sie passende agile Rahmenwerke/Methoden nach Zielgruppe, Gruppengröße, Lernzielen und -inhalten:
Rahmenwerke wie Scrum und Design Thinking strukturieren Lehrveranstaltungen mit kontinuierlicher Gruppenarbeit, über ein ganzes Semester/die ganze Veranstaltungs-/Moduldauer hinweg.
Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Methoden, die innerhalb oder unabhängig von den Rahmenwerken eingesetzt werden können, um mehr Agilität in einzelne Veranstaltungstermine zu bringen, z.B. Kanban/Scrum Boards, LEGO® Serious Play®, Retrospektiven oder nutzerzentrierte Methoden.
Scrum bietet im Semesterverlauf einen strukturellen Rahmen mit iterativen Zyklen (Sprints). Das WAS wird von der Lehrperson (z. B. nach Modulhandbuch) festgelegt. Studierende entscheiden innerhalb des Rahmens, welche Lernpakete/Aufgaben sie wann erledigen und WIE sie diese – v. a. in projektorientierten Phasen – gestalten. Sprints mit regelmäßigen Meetings (Stand Ups, Reviews) liefern kontinuierliches Feedback und Transparenz, sodass Lehrende und Studierende den Stand der Projektarbeit/Lernfortschritt jederzeit einsehen können.
Design Thinking verbindet theoretischen Wissenserwerb mit praktischem Erforschen und Entwickeln von prototypischen Lösungsansätzen. Das Rahmenwerk umfasst sechs Phasen und eignet sich besonders für projektbasierte Lern- und Arbeitsaufträge. Der Prozess ist zielgerichtet und gleichzeitig (ergebnis-)offen und schafft Raum für innovatives und kreatives Denken und die Erprobung eigene Lösungswege.
LEGO® Serious Play® eignet sich vor allem für kreative Prozesse: Das Bauen mit Klemmbausteinen macht abstrakte Konzepte greifbar.
Kanban/Scrum Board dienen der Visualisierung der Arbeitsprozesse und schaffen so mehr Transparenz über den Lernstand.
Retrospektiven sind Reflexionsformate, die es Studierenden ermöglichen, gemeinsam auf ihren Arbeitsprozess zu blicken und iterativ die Zusammenarbeit zu verbessern.
Hinweise
Effekte
Bei der Etablierung agiler Lehrveranstaltungen sind bspw. der Umgang mit studentischen Erwartungen oder die Sicherstellung der Anschlussfähigkeit fürs weitere Studium zu beachten. Agile Lehre erfordert i.d.R. eine höhere Interaktion mit Studierenden als andere Lehrformate. Lehrende werden zu Lernbegleitern/Coaches für Studierende. Der Betreuungsaufwand steigt. Teamteaching oder der Einbezug von Ko-Moderationen/Facilitatoren sind hilfreich, sind aber teils schwer mit bestehenden Rahmenbedingungen vereinbar. Es findet eine Verlagerung des Workloads in die Vorlesungszeit statt, was von Studierenden als Mehraufwand wahrgenommen wird. Agile Lehre benötigt andere Formen der „pädagogischen Führung“ und bewirkt eine Haltungsänderung bei Lehrenden und Studierenden. Dies erfordert eine Reflexion der eigenen Rolle und der mit den neuen Lehrformaten einhergehenden Herausforderungen, sowie idealerweise einer Rückversicherung im Kollegenkreis.
Learnings
Agile Lehrformate sind fächerübergreifend und vielseitig einsetzbar. Sie befördern selbstorganisierte Teamarbeit und ein Erreichen der Lernziele. Lehrende zeigen sich zufrieden mit der Implementation bleiben i.d.R. bei einem agilen Konzept.
Lehrende entwickeln durch die Auseinandersetzung mit agilen Methoden ein agiles Mindset und begreifen ihre Lehrveranstaltungen selbst als ein kontinuierlich weiterzuentwickelndes und an studentisches Feedback anzupassendes Konstrukt.
Bei der Einführung innovativer (agiler) Lehrformate sind eine intensive hochschuldidaktische Begleitung und eine Community of Practice von Lehrenden von Vorteil, um Herausforderungen gemeinsam zu reflektieren und Lösungswege zu finden.
Empfehlung
nein
Tipps
Möchte man nicht gleich eine komplette Lehrveranstaltung auf ein agiles Format umstellen, so bietet sich die Integration kleinerer wenig zeitaufwändiger agiler Methoden an:
Beispielsweise sind digitale Kanban-Board ein effektive Tool um über den Lern- und Arbeitsfortschritt von Studierendenteams Transparenz für Lehrende und Studierende während (asynchroner) Teamarbeitsphasen zu schaffen und kontinuierliches Arbeiten zu fördern.
Retrospektiven eignen sich sehr gut, um Reflexionsprozesse in Teams anzustoßen und Teamkonflikten vorzubeugen. Studierende lernen strukturiert über eigene Lernprozesse zu reflektieren und anderen wertschätzend Feedback zu geben. Retros dienen auch als Feedbackinstrument für Lehrende bei der Anpassung der Lehrveranstaltung an den Bedarf der Studierenden.
Sonstiges
Im Rahmen dieser Maßnahmendiskussion ist es nicht möglich alle Aspekte der Implementation von verschiedenen agilen Methoden und Rahmenwerke darzustellen. Weiterführende Informationen zu Methoden und Rahmenwerken, Vorlagen und praxiserprobte Best Practice Beispiel, sowie Podcast-Folgen, in denen Lehrende verschiedener Disziplinen ihre Erfahrungen mit agilen Lehrsettings teilen, sind als OER in unserem Methodenbaukasten zugänglich: https://blogs.sonia.de/aggit.
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